«Die Schweizerische Volkspartei (SVP) ist eine junge Partei mit grosser Tradition.»[1] So steht es am Anfang des Textes zur Geschichte der SVP auf der Website der SVP Kanton Bern. Danach folgt eine lange Erklärung, weshalb das kein Widerspruch sein soll. Doch das lassen wir vorneweg, denn dieser Widerspruch an sich ist viel interessanter als die inhaltslose Historie der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei. Der Widerspruch gehört auch nicht aufgelöst, sondern vielmehr entlarvt.
Denn die grossen Traditionen, welche die SVP regelmässig mit Rütli, Tell und Hellebarde heraufbeschwört, sind für die Partei mehr als nur rhetorische Stilmittel und schöne Bilder. Die SVP erschafft damit Regeln und Werte, die angeblich die Schweiz definieren und die Ursache für den Wohlstand seien.
Wenn wir uns nicht mehr an diese Regeln und Werte halten würden, wäre die Schweiz dem Untergang geweiht.
Jedoch ist von vornherein klar, dass diese Traditionen historisch stark vereinfacht, mythologisiert oder nachträglich konstruiert sind. Der Rütlischwur ist eine Legende und hat nichts mit der Entstehung des Schweizer Bundesstaats zu tun, Wilhelm Tell ist nur die Hauptfigur aus einem Schiller-Drama und auch mit Hellebarde war die Schweiz nie unabhängig von den Nachbarstaaten. Passend dazu liefert der Historiker Eric Hobsbawm den Begriff der «erfundenen Tradition». Er beschreibt damit Traditionen, deren Verbindung zur Vergangenheit künstlich oder rein fiktiv ist und zum Ziel haben, Werte und Verhaltensnormen durch ständige Wiederholung einzuschärfen. [2] Warum aber brauchen rechte Akteur*innen diese erfundenen Tra-ditionen? Warum ist ihr Blick chronisch nach hinten gerichtet? Die konservativen Parteien, wozu die SVP theoretisch noch gezählt werden kann, haben sich auf die Fahne geschrieben, den Status quo zu konservieren. Nun stösst das die SVP vor ein Problem: Was, wenn das, was wir jetzt haben, ihnen nicht passt, und das, was früher mal war, gar nicht so toll war, wie sie gerne hätten?
Die erfundenen Traditionen sollen der SVP also dabei helfen, etwas zurückzuholen, was gar nie existierte. Warum aber dieser Zwischenschritt über die Vergangenheit mitsamt Umschreibung der Geschichte? Die lange, korrekte und komplizierte Antwort würden wir wahrscheinlich in der Entstehung der Nationalstaaten und den dazugehörigen Mythen finden. Eine kürzere Antwort findet sich im Handwerk der SVP. Die SVP ist eine zutiefst rechtspopulistische Partei.
Der Umweg über die Vergangenheit hat für sie den Vorteil, dass sie der Bevölkerung vorgaukeln kann, dass wir nur ein, zwei Schritte zurück gehen müssten, und alles wäre wieder wie bei Heidi und Geissenpeter. Sie romantisieren die Vergangenheit als heile, schöne Welt. Das ist Geschichtsrevisionismus vom Feinsten. Es ist eine bewusst kreierte, historisch falsche Idylle. Mit Hilfe historischer Legitimität können sie so ein Gefühl von Zugehörigkeit, Verbundenheit, ja eine gemeinsame Identität schaffen. Dadurch entstehen wiederum klare Feindbilder, die dann für eine emotionale Mobilisierung verwendet werden. Es ist ein grosses, blutiges, mit historischen Lügen aufgebautes Kartenhaus.
Und hier liegt unsere Stärke. Denn im Gegensatz zu den Rechten sind wir nicht gezwungen, uns die Geschichte geradezubiegen. Wir können uns gemeinsam erinnern und die Geschichte ungeschönt erzählen. Mit allen Grausamkeiten, aller Ausbeutung, Verbrechen und Unmenschlichkeiten. Denn das erst ermöglicht es uns, gemeinsam nach vorne zu schauen und zu erzählen, was wir aufbauen wollen.
Den Rechten fehlt die Revolution, deshalb brauchen sie die Tradition.
Wir hingegen können uns gemeinsam erinnern, wir können die Verantwortung der Geschichte übernehmen, denn alle unsere Perspektiven sehen in der Zukunft dieselbe Utopie.
[1] o.A.: Die Geschichte der SVP. https://www.svp-bern.ch/organisation-koepfe/historisches/die-geschichte-der-svp/ (Letzter Zugriff 05.06.2026).
[2] Hobsbawm, Eric: Introduction: Inventing Tradition. In: Hobsbawm, Eric; Ranger, Terence (Hg.): The Invention of Tradition. Cambridge (1983), S. 1-15. Online: https://staff.washington.edu/ellingsn/Hobsbawm_Inventing_Traditiions.pdf.
Text von Maurus Müller
Illustration © Youna Garrels, Models Larissa Küng und Loa Garrels