Es gibt wenige Begriffe, die so politisch aufgeladen sind wie der Heimatbegriff. Wie kommt es, dass «Heimat» zu einem solchen Reizthema werden kann und lässt sich darin Potenzial finden?
In Zeiten multipler Krisen – Kriege, Klimakrise, steigende Armut – feiert der Begriff «Heimat» erneut Aufschwung. Er wird zum Auffangbecken für Unsicherheiten und zum Versprechen von Halt und Zugehörigkeit. Doch dieses Versprechen ist nicht neutral. «Heimat» bedeutet immer auch: Wer gehört dazu und wer nicht?
Historisch wurde der Begriff immer wieder genutzt, um genau diese Grenze zu ziehen. Ob in der Angst vor «Überfremdung» oder in nationalen «Verteidigungskämpfen»: Der Ruf nach «Heimat» ging oft mit Ausschluss einher. Rechtskonservative Kräfte entwerfen ein statisches Bild von «Heimat» als etwas Ursprüngliches und Homogenes, das es zu bewahren gilt.[1] So entsteht das Gefühl einer vermeintlichen Einheit, die sich durch das Ausgrenzen anderer konstruiert.
Doch ein solcher Heimatbegriff greift viel zu kurz.
In einer globalisierten Welt, die mehr denn je von Migration, Ungleichheit und ökonomischen Verflechtungen geprägt ist, lässt sich «Heimat» nicht als fixer Ort oder abgeschlossene Identität denken. Für viele ist sie längst brüchig, widersprüchlich und von mehreren Zugehörigkeiten gleichzeitig geprägt.
Heimat kann deshalb als ein fluides Konzept verstanden werden: Jenseits von nationalen Grenzen als etwas, das in Beziehungen, in solidarischen Strukturen, im gemeinsamen Kampf um ein gutes Leben entsteht.[2] Etwas, das nicht ausgrenzt, sondern Zugehörigkeit schafft. Sie ist kein Naturzustand, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis.
Gerade darin liegt ihr emanzipatorisches Potenzial. Eine solche Vorstellung von «Heimat» richtet sich nicht gegen andere, sondern gegen die Verhältnisse, die Menschen ausschliessen. Sie fragt nicht, wer dazugehört, sondern unter welchen Bedingungen Zugehörigkeit überhaupt möglich wird.
«Heimat» wäre dann nicht das, was verteidigt werden müsste. «Heimat» wäre das, was gemeinsam verändert und geschaffen werden kann.
[1] Bönisch, Dana / Runja, Jil / Zehschnetzler, Hanna: Heimat Revisited. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf einen umstrittenen Begriff. Berlin/Boston (2020), S. 1.
[2] Costadura, Edoardo / Ries, Klaus / Wiesenfeldt, Christiane: Heimat global. Modelle, Praxen und Medien der Heimatkonstruktion. Bielefeld (2019), S.33.
Text von Larissa Küng
Fotografie © Youna Garrels, Model Loa Garrels