Die Tradition der queeren Bewegung

Tradition bedeutet für viele Menschen Zugehörigkeit und Identität. Queere Menschen können aber meist wenig mit den bürgerlichen Traditionen unserer Gesellschaft anfangen. Genau deshalb sind Fragen, wie und ob Queerness und Tradition miteinander vereinbar sind zentral für den queeren Befreiungskampf.

Für mich erscheinen die beiden Begriffe «Queer» und «Tradition» gegensätzlich. Tradition konnotiere ich – vor allem aus einer linken Perspektive – mit etwas Beständigem, das ohne viel Gegenwind in der Geschichte verankert ist und Veränderung oftmals ignoriert. Unhinterfragte Normen werden von Generation zu Generation weitergereicht. Laut der Definition von Duden bedeutet Tradition «etwas, was im Hinblick auf Verhaltensweisen, Ideen, Kultur o. Ä. in der Geschichte, von Generation zu Generation […] entwickelt und weitergegeben wurde [und weiterhin Bestand hat]».[1] Queerness dagegen verbinde ich vielmehr mit Community, gemeinsamem Widerstand und Solidarität. Das sind fast alles Werte und Gefühle, die viele Menschen mit Tradition verbinden würden. Von queeren Menschen wird jedoch Tradition im klassischen Sinne oft als etwas Schlechtes wahrgenommen, das Menschen ausschliesst und bekämpft werden muss.

Klassische Traditionen sind oft an patriarchale und heteronormative Muster geknüpft, in denen queere Menschen keinen Platz finden.

Die queere Bewegung musste schon seit jeher für Raum, eine Stimme und Freiheit kämpfen. Es gibt nichts, das wir als «Queer Culture» beschreiben, das nicht erkämpft werden musste.

Gegen alles, was wir sind, und gegen all unsere Werte stehen Patriarchat, Queerfeindlichkeit und Kapitalismus. Wir kämpfen also konstant gegen ein riesiges System, das unsere Präsenz nicht will und von unserer Unterdrückung lebt. Gerade sehen wir z.B., wie lesbische Kleidung entpolitisiert und von einer straighten Bubble vereinnahmt wird. So laufen plötzlich performative Männer mit Karabinern an ihren Hosen herum – eine «Tradition», die eigentlich aus der lesbischen Arbeiter*innenbewegung stammt.[2,3]

Was, wenn genau dieser Kampf um unsere Existenz, Sichtbarkeit und Raum Tradition ist? Wir geben in unserer Tradition nicht Normen, sondern Widerstand und Fürsorge weiter. Der Kampf gegen Patriarchat, Queerfeindlichkeit und Kapitalismus ist unsere Tradition.

Wir transportieren in diesem Widerstand kollektiv unsere Werte, Hoffnung und unser Wissen und betten sie in die Gesellschaft ein, damit die nächsten Generationen davon profitieren können.

Queere Tradition bedeutet Solidarität sowie aus unseren Kämpfen zu lernen und sie weiterzuentwickeln – entgegen der verbreiteten Definition von Tradition als «Stabilität» bedeutet queere Tradition Stabilität in der Veränderung, und zwar gemeinsam.


[1] Duden: Tradition, die. https://www.duden.de/node/184235/revision/1333718 (Letzter Zugriff: 05.05.2026).

[2] Wikipedia: Lesbian Fashion. https://en.wikipedia.org/wiki/Lesbian_fashion (Letzter Zugriff: 05.05.2026).

[3] Cauterucci, Christina: Lesbians and Key Rings: a Cultural Love Story. https://slate.com/human-interest/2016/12/the-lesbian-love-of-key-rings-and-carabiners-explained.html (12.12.2016).

Fotografie © kritisches fotografiekollektiv, Revolutionärer Block Pride Aargau, 2025, CC BY-ND 4.0, https://www.flickr.com/photos/kfk-jpg/54769764638/in/album-72177720328877924.

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