Wie kann man permanente Aufmerksamkeit als Stille deuten? Was ist Stille? Ist Stille das Gefühl, dass die eigene Präsenz im Raum immer ein bisschen zu laut, ein bisschen zu viel ist? Ist es die Kunst, ungeschriebene Regeln zu lesen? Wissen wie man Schuhe im Treppenhaus hinstellt? Wie man lacht? Wie man den festen Handschlag, der einige Sekunden zu lang gedauert hat, deuten soll? Wie man untertaucht? Was ist das für eine Stille?
Es ist das ekelhafte Gefühl im Magen, wenn das Handy auf dem Pausenplatz klingelt, der Name der Mutter auf dem Bildschirm aufleuchtet und man plötzlich zögert, den Anruf anzunehmen. Weil man weiss, dass das Sprechen der eigenen Muttersprache vor den Kolleginnen wie ein unsichtbarer Vorhang fällt, der einen vom Rest trennt. Es ist die üble Angst vor dem Moment, in dem man in der grossen Pause die eigene Znünibox öffnet. Die Hoffnung, dass darin nichts liegt, was für einen selbst ganz normal ist, wofür man von den anderen aber ausgelacht werden könnte. Und es ist der Montagmorgen im Klassenzimmer, an dem man versucht, die Hände unter dem Pult zu verstecken. Weil man am Wochenende mit der Mutter an einem Hennaabend war und stolz den rotbraunen Fleck auf den Handinnenflächen getragen hat, nur um in der Schule zu hören, das sehe aus «wie Scheisse».
In solchen Momenten lernt man, dass die eigenen Traditionen, die sich zu Hause nach Geborgenheit anfühlen und nach Festtagen riechen, ausserhalb als Makel gelesen werden. Zugehörigkeit fühlte sich für mich lange Zeit wie ein Raum an, dessen Wände sich verschieben, sobald man versucht sich an sie zu lehnen. Man wächst hier auf, man teilt dieselben Wege, dieselbe Sprache und doch liegt über allem die unsichtbare Frage.
«Von wo bist du wirklich?»
Die Frage, die ganz harmlos wirkt, die dich aber ganz sanft, Stück für Stück aus dem kollektiven Bild herausschneidet.
Manchmal zeigt sich diese Trennung bis heute an den kleinsten Dingen. An einem Appenzeller Gürtel zum Beispiel. Ich finde seine Handwerkskunst wunderschön, die kleinen silbernen Figuren, die Geschichten von Bergen und Traditionen erzählen. Ich würde ihn gerne tragen, einfach als ein Stück Heimat, das ich im Herzen trage. Doch wenn ich mir vorstelle, wie ich als sichtbar muslimische Frau mit diesem Gürtel ein Schwingfest betrete, spüre ich sofort das unsichtbare Stoppschild. Es ist die Gewissheit, dass mein Versuch, diese Tradition zu teilen, von vielen nicht als Liebe zum Land verstanden würde, sondern als einen Bruch mit ihrer Vorstellung davon, wer dieses Land repräsentieren darf.
Es ist eine schmerzhafte Doppelmoral. Die bürgerliche Elite darf sich beim Sechseläuten eine ihnen fremde Kultur wie ein buntes Kostüm überstreifen, um für einen Tag ein «exotisches» Fest zu feiern. Sie dürfen sich mit «orientalischen» Gewändern schmücken und die Kleidung abends wieder im Schrank verstauen. Doch für uns gibt es kein Kostüm. Wir können die eigene Haut, die eigene Geschichte nicht ablegen. Wir tragen die Realität, die dort für ein paar Stunden zelebriert wird, jeden einzelnen Tag im Alltag, mit all den Blicken, den Bewertungen und den leisen Ausschlüssen, die dazugehören.
Dieser Druck, immer perfekt sein zu müssen, um überhaupt mitgemeint zu sein, zieht sich bis in die intimsten Bereiche unseres Lebens. Wenn in den Medien oder der Politik über migrantische Familien gesprochen wird, spürt man eine seltsame Welle. Es ist eine Erzählung, die unseren Eltern die Vielfalt abspricht. Wenn in einer alteingesessenen Schweizer Familie die Kinder rebellieren und linke oder radikale Wege einschlagen, gilt das als normaler, gesunder Familienkonflikt. Doch wenn ein gläubiger, migrantischer Vater eine emanzipierte, sozialistische Tochter grosszieht, schaut die Gesellschaft voller Skepsis hin. Sie können sich nicht vorstellen, dass ein solches Elternhaus ein Ort der Freiheit und des politischen Denkens sein kann. Sie wollen nicht sehen, dass gerade die leise Würde und die harte Lebensrealität unserer Eltern als Fundament für unseren Sinn für Gerechtigkeit sind.
Mein Vater hat dieses Land mit aufgebaut, Stein für Stein, Tag für Tag. Er hat jeden beschwerlichen Job angenommen und sich schliesslich im Stillen eine Selbstständigkeit aufgebaut. Er hat genau den Fleiss und den Stolz gelebt, den die Zünfte beim Sechseläuten eigentlich auf ihren Fahnen tragen. Aber in ihrer Traditionskultur ist für seine Geschichte kein Platz vorgesehen.
Wenn ich ihn nach dem Schmerz frage, nach all den Momenten, in denen er spüren musste, dass er trotz allem «der Andere» bleibt, lächelt er nur. Er sagt, es bringe nichts, den alten Gegebenheiten Raum zu geben, weil man sonst bis zum Ende des Lebens verbittert ist und die Fähigkeit verliert, den Menschen mit einem offenen Herzen zu begegnen. Es hat lange gedauert, bis ich die Stärke in diesem Satz verstanden habe. Mein Vater leistet im Stillen den radikalsten Widerstand. Er bricht mit der Tradition des Grolls. Er verweigert der Welt das Recht, ihn bitter zu machen.
Doch während ich seine Sanftmut zutiefst bewundere, weiss ich als linke Politikerin auch, wo meine Verantwortung beginnt. Ich kann und will diese Vergebung nicht stellvertretend für ihn weitertragen. Denn die Nachsicht unserer Eltern darf nicht dazu missbraucht werden, die Augen vor den ungerechten Strukturen zu verschliessen. Ihre Fähigkeit zu verzeihen ist ihre Grösse, aber unsere Pflicht ist es, dafür zu sorgen, dass diese Geschichten nicht vergessen werden.
Mit Traditionen zu brechen, bedeutet für mich deshalb nicht, Bräuche zu zerstören. Es bedeutet, mit der Tradition des ewigen Bittens zu brechen. Wir müssen aufhören, an die Türen einer Elite zu klopfen und darauf zu warten, dass man uns die Erlaubnis gibt, dazuzugehören. Heimat ist kein Privileg, das man sich durch Wohlverhalten verdienen muss.
Wenn ich heute Räume betrete, in denen Politik gemacht wird, bringe ich die Integrität meiner Familie mit. Ich trage die Geschichte meiner Herkunft nicht mehr wie eine Last, sondern wie ein Versprechen. Ein Versprechen dafür, dass wir nicht mehr am Rand stehen werden, um zuzuschauen, wie andere definieren, wer wir sein dürfen.
Wir verändern die Geometrie des Raumes.
Text von Vera Çelik
Bild © Youna Garrels