120 Jahre JUSO? Was die Wahl des Jubiläums über unsere Herkunft aussagt

Dieses Jahr feiern wir 120 Jahre JUSO. Aber warum eigentlich? Mindestens vier andere Jahreszahlen würden sich anbieten. Der Weg von den Jungburschen 1906 zur JUSO 2026 ist alles andere als gerade und erzählt viel über die Geschichte der Arbeiter*innenbewegung. Auf welche Herkunft können und wollen wir uns berufen?

Blicken wir auf die Geschichte der JUSO zurück, begegnen wir zuerst bekannten Gesichtern und Geschichten: Initiative für eine Zukunft und 99%-Initiative, Nicola Siegrist, Ronja Jansen, Tamara Funiciello als erste(?) Präsidentin. Speku-Stopp und Lernenden-Kampagne, Fabian Molina und David Roth kennen schon nicht mehr alle. Cédric Wermuth dann schon, allerdings als SP-Präsi. Er war ab 2008 aber auch der erste JUSO-Präsident seit 25 Jahren. Nach Finanzkrise und SP-Wahlschlappe stellte sich die JUSO neu auf und setzte ab 2009 mit der 1:12-Initiative auf Diskursverschiebung über Volksabstimmungen.[1]

Weiter zurück trägt unsere Partei zwar denselben Namen, aber vieles sieht anders aus: keine Sommerlager, keine Grossprojekte. Sie wurde 1971 aus der eingeschlafenen «Vereinigung junger Sozialdemokraten» (VJS) geschaffen. Somit wäre sie 55 Jahre alt. Wer nicht zu sehr am Namen hängt, kommt mit der VJS-Gründung 1961 auf 65.[2] Die Geschichte der Jungpartei der SP und der Arbeiter*innenbewegung reicht aber weiter zurück, zu drei weiteren Jubiläen.

«von der politischen Bühne abgetreten» – 1947–1959

Die VJS ersetzte ihrerseits die frühere SP-Jungpartei, über die wenig bekannt ist, ausser dass sie für die JUSOs der 70er Jahre «von der politischen Bühne abgetreten» war.[3] Tatsächlich war ihr Aufbau Anfang der 40er Jahre schwierig: Zu Mobilmachung, Flügelkämpfen sowie behördlicher Überwachung und Repression kam eine Partei, die zwar eine gewisse Autonomie für nötig hielt, aber immer wieder eingriff, um zu starke Abweichungen von der Parteilinie zu verhindern.[4]

Erst 1947 stabilisierte sich die Parteijugend in der Sozialistischen Jugend der Schweiz (SJS).[5] Sie war zumindest vorerst klar antikapitalistisch, lehnte aber auch die Sowjetunion und ihre kommunistischen Vorfeldorganisationen ab:[6] «Es gibt keinen Weg der kommunistischen Diktatur, es gibt keinen Weg der Anpassung an den Kapitalismus, es gibt einzig und allein den Weg [des Kampfes der Arbeiter*innenschaft] gegen jede Ausbeutung und für eine unteilbar demokratische Gemeinschaftsordnung».[7] Ab 1948 war sie, wie die heutige JUSO, Mitglied der sozialistischen Jugendinternationale IUSY.[8] Die SJS kämpfte gegen Militärausgaben und für Ferien, 40-Stundenwoche und Frauenstimmrecht. Sie warb mit Flugblättern, Zeitungen und Kinovorstellungen um neue Mitglieder, organisierte Bildungsanlässe, Gruppenabende (die Leitlinien dazu erinnern an so manches MV-Merkblatt [9]), Studienreisen und Ferienlager.[10]

Illustration im Prospekt «Rencontre de Pentecôte des Jeunesses Socialistes Suisses» zum Pfingsttreffen 1949 in Bellinzona mit Demonstration in Lugano. Zu sehen sind unter anderem Mitglieder der Sozialistischen Jugend und die SJS-Fahne.[11]

1953 wurde die Sozialistische zur Sozialdemokratischen Jugend (weiterhin SJS) und wählte mit der Baslerin Doris Jauslin die erste Präsidentin der schweizerischen Arbeiter*innenjugend.[12] Im antikommunistischen Klima der 50er grenzte sich die Jungpartei zunehmend von der Symbolik der Arbeiter*innenbewegung ab. Sie bekannte sich zwar weiterhin zum Sozialismus, bestritt 1958 aber, ausser «sozialer Gerechtigkeit» ein bewusstes Programm zu haben.[13] Sie verlor an Mitgliedern und Bedeutung bis die SP 1959 die Unterstützung einstellte, um die Jugendarbeit neu aufzubauen.[14]

Feiern wir heuer das 80-Jahr-Jubiläum, feiern wir zwar eine JUSO, die sich und ihre Ideologie langfristig nicht behaupten konnte, uns organisatorisch aber in vielem vertraut vorkommt. Eine im Grunde antikapitalistische JUSO, die bereit war, die Freiheitsrechte ihrer osteuropäischen Genoss*innen gegen stalinistische Diktaturen zu verteidigen.

Von Tessiner Antifaschismus zum Hitler-Stalin-Pakt – 1926–1940

Dasselbe kann von ihrer Vorgängerorganisation nicht gesagt werden. Jene Sozialistische Jugend (SJ) entstand 1926 als Alternative zur Jungpartei (erst auch mit Namen SJ), die sich 1921 bei der Parteispaltung der KPS angeschlossen und der Komintern untergeordnet hatte (KJVS, siehe unten). Treibende Kraft waren die Tessiner JUSOs, die seit der faschistischen Machtergreifung in Italien 1922 starken Zulauf von antifaschistischen Jugendlichen erhalten hatten: Sie stellten anfangs 2/3 der Mitglieder und waren selbst 1958 noch «der Stolz der [SJ]».[15] Als die Komintern 1929 die Sozialfaschismusthese zu propagieren begann, wurden jegliche Annäherungsversuche der beiden Jungparteien unterbunden.[16]

Mit Weltwirtschaftskrise und Faschismus in Deutschland und Österreich begann die SJ nach mehr Autonomie und Einfluss in der Partei zu streben und näherte sich nach 1935 allmählich wieder dem Kommunismus an. Als sie nach dem Einmarsch Deutschlands und der Sowjetunion in Polen den Hitler-Stalin-Pakt befürwortete, war für die Partei der letzte Strick gerissen: Die SJ sei «in eine Front mit Hitler» gekommen.[17] Im Februar 1940 wurde sie ausgeschlossen und ein Jahr darauf vom Bundesrat verboten.[18] Die meisten verbliebenen Mitglieder traten 1944 bei deren Gründung der PdA bei.[19]

Nicht nur die runde Zahl verlockt also, dieses Jahr das 100-jährige Jubiläum zu feiern. Mit der SJ feiert man eine starke und selbstbewusste antifaschistische Bewegung, die sich auch mit der Partei anlegte und stets nach der Einheit mit den kommunistischen Organisationen strebte. Dabei übernahm sie aber Moskaus Parolen schwieg zu den Fehltritten und Verbrechen der Sowjetunion. Feiern wir dieses Jubiläum, müssten wir zudem die heutige kommunistische Jugend, die Jungpartei der PdA, einladen, die sich ebenso gut auf diese Herkunft berufen kann.

«Jungburschen» als Gründungsmoment einer feministischen Jungpartei? – 1906–1921

Mit dem 120-Jahr-Jubiläum beruft sich die Geschäftsleitung auf den 1906 von drei Zürcher Sektionen gegründeten Verband der Schweizerischen Jungburschenvereine. Daraus wurde 1911 (da durften seit zwei Jahren auch Mädchen mitmachen) die Sozialistische Jugend (SJ).[20] Der zunehmend antimilitaristische und anarchistische Verband stand sowohl dem reformistischen als auch dem marxistischen SP-Flügel kritisch gegenüber und wurde  erst 1913 zu deren Jungpartei. 1911-1917 wuchs die SJ massiv und wurde zu einer politischen Kraft von nationaler Bedeutung. Bei Kriegsausbruch lehnte sie als eine der wenigen linken Organisationen die Burgfriedenspolitik ab. Während des Kriegs wandte sich die SJ von ethisch-idealistischem Sozialismus und der pazifistischen Entwaffnungsparole ab und forderte eine bewaffnete, bürgerkriegsartige Revolution, nach bolschewistischem Vorbild.[21] Der Landesstreik 1918 weckte entsprechend grosse Hoffnungen und sein Abbruch provozierte die Forderung nach der Abspaltung des linken Parteiflügels. Die SJ bekannte sich schon 1919/20 zur Komintern und wurde zum Kommunistischen Jugendverband (KJVS). Als die SP 1921 den Komintern-Beitritt ablehnte, trieb der KJVS die Spaltung und die Gründung der Kommunistischen Partei (KPS) wesentlich voran.[22]

Auch das 120-Jahr-Jubiläum ist also nicht unproblematisch. Nicht nur besteht hier wieder das Problem, dass die Kommunistische Jugend einen ebenso guten Anspruch erheben kann, die Feier der Jungburschen-Gründung ist für eine feministische Partei auch etwas seltsam. Da wäre 1911 vielleicht etwas passender.

Die vier Phasen der JUSO-Geschichte zeigen einen ständigen Balanceakt zwischen den Strömungen der Arbeiter*innenbewegung, zwischen Autonomie und Abhängigkeit von der Partei und zwischen Anschlussfähigkeit, inhaltlicher Geschlossenheit und Radikalität. Wie Nationalstaaten konstruieren Parteien und Bewegungen ihre Geschichte immer wieder neu. Auch eine Jubiläumsfeier wird so, indem sie den einen oder anderen Teil hervorhebt oder vertuscht, zu einer Schaukelbewegung im Balanceakt der JUSO.


[1] JUSO Schweiz (o.D.): Unsere Geschichte. (https://juso.ch/de/die-juso/unsere-geschichte/ [26.09.2026]).

[2] Fischer, Alfons (1983): Die Schweizerischen Jungsozialisten 1970-1980. Maur (ZH): Verlag für politische Bildung.

[3] Ebd., S. 21.

[4] Escher, Fritz (1947): Bericht F. Escher über die Lage in der Sozialistischen Jugend der Schweiz. Zürich, 03.11.1947.Ar. 1.290.3, Schweizerisches Sozialarchiv; Stocker, Werner (1940) an die Redaktoren der Parteipresse: Arbeiterjugend, heraus zur Sommertagung am Hallwilersee ! o.O., o.D. Ar 1.290.2, Schweizerisches Sozialarchiv; Stocker, Werner, Charles Mussard, Otto Schneebeli und Didier Wyler (1944) an die Kantonalparteien der SPS und die kantonalen und lokalen Jugendgruppe

[5] Diese geht eigentlich auf die Sozialdemokratische Jugend der Schweiz von 1943, resp. Auf die Sozialistische Arbeiterjugend der Schweiz von 1944 zurück. Diese Phase war jedoch dermassen von Spaltung, Disziplinierung und Kurswechseln geprägt, dass ich hier das Bekenntnis zur SP und die Umbenennung in SJS an der Delegiertenversammlung 1947 als Startpunkt wähle. Siehe Escher (1947): Bericht über die Lage in der SJS

[6] Jeunesse Socialiste Suisse (1949): Rencontre de Pentecôte des Jeunesses Socialistes Suisses. Zürich. Ar 1.290.4, Schweizerisches Sozialarchiv.

[7] Götsch, Ueli (1950): Bericht der Geschäftsleitung der Sozialistischen Jugend der Schweiz an die Delegiertenversammlung vom 10. und 11. Februar 1951 im Volkshaus in Bern. o.O., o.D. Ar 1.290.4, Schweizerisches Sozialarchiv. S. 7.

[8] Sozialistische Jugend der Schweiz (1948): D.V. 1948 SJS: Die Beschlüsse der Delegiertenversammlung der Sozialistischen Jugend der Schweiz vom 2./3. Oktober 1948 in Olten über Standort und Aufgaben der SJS. o.O, o.D. Ar 1.290.4, Schweizerisches Sozialarchiv.

[9] Ab 1945 wurde Praxis publiziert, ein Magazin mit Tipps und Ressourcen zur Aktivität der SJS. Siehe Geschäftsleitung der SAJS (1945): Praxis: Informations- und Schulungsblätter der Sozialistischen Jugend Schweiz (1). Zürich. Ar 1.290.5b, Schweizerisches Sozialarchiv; Jauslin, Doris (Hg.) (1955): Praxis: Informations- und Schulungsblätter der Sozialistischen Jugend Schweiz. Zürich. Ar 1.290.5b, Schweizerisches Sozialarchiv.

[10] Anonym (1949) an die Parteipresse: Prächtiges Pfingsttreffen der Sozialistischen Jugend der Schweiz. o.O., 07.06.1949. Ar 1.290.4, Schweizerisches Sozialarchiv; Escher, Fritz (1950): Bericht des Jugendausschusses an den PV der SPS über die Tätigkeit der Sozialistischen Jugend der Schweiz im Jahre 1949. Zürich, September 1950. Ar 1.290.4, Schweizerisches Sozialarchiv; Götsch (1950), Bericht der Geschäftsleitung.

[11] Rencontre de Pentecôte des Jeunesses Socialistes Suisses, 1949. Illustrierter Prospekt der Jeunesse Socialiste Suisse. Illustrator*in unbekannt. Schweizerisches Sozialarchiv, Ar 1.290.4.

[12] Jauslin, Doris (1953): Darf ich mich vorstellen, in: SJS: Mitteilungsblatt der Sozialdemokratischen Jugend der Schweiz, o.O., 17.03.1953. S. 3. Ar 1.290.5, Schweizerisches Sozialarchiv. Es gab auch schon zuvor Frauen in Ämtern der SJS, diese scheinen jedoch vor allem auf Hintergrundarbeiten wie die Buchhaltung oder Protokollführung begrenzt worden zu sein.

[13] Anonym (1958): Jahresbericht der SJS für 1957/58. o.O., o.D. Ar 1.290.5b, Schweizerisches Sozialarchiv.

[14] Hardmeier, Benno (1959) an die Kantonalparteien. o.O., 18.02.1959. Ar 1.290.5, Schweizerisches Sozialarchiv; Geschäftsleitung der SJS (1959): Einladung zur Ausserordentlichen Delegiertenversammlung. o.O., o.D. Ar 1.290.5, Schweizerisches Sozialarchiv.

[15] Petersen, Andreas (2001): Radikale Jugend: die sozialistische Jugendbewegung in der Schweiz 1900-1930: Radikalisierungsanalyse und Generationentheorie. Zürich: Chronos Verlag. S. 502–05; Anonym (1958), Jahresbericht 1957/58.

[16] Petersen (2001), Radikale Jugend.

[17] Lang, Karl et al. (1988): Solidarität, Widerspruch, Bewegung: 100 Jahre Sozialdemokratische Partei der Schweiz. Zürich: Limmat Verlag. S. 311.

[18] Ebd., 311; Meierhans, Paul (1940) an Kantonalparteien der SPS. Zürich, 29.01.1940. Ar 1.290.5, Schweizerisches Sozialarchiv; Kobelt, Karl und Oskar Leimgruber (1946): Bericht des Bundesrates an die Bundesversammlung über die antidemokratische Tätigkeit von Schweizern und Ausländern im Zusammenhang mit dem Kriegsgeschehen 1939-1945 (Motion Boerlin): Dritter Teil. Bern.

[19] Kobelt und Leimgruber (1946), Bericht zur Motion Boerlin; Lang et al. (1988), Solidarität, Widerspruch, Bewegung.

[20] Offiziell Freie Jugend – Verband der sozialdemokratischen Jugendorganisationen, allerdings blieb der Begriff Jungburschen weiter in Gebrauch und Sozialistische Jugend etablierte sich nur allmählich.

[21] Viele der führenden Bolschewist*innen kannten sie während deren Exil in der Schweiz persönlich.

[22] Petersen (2001), Radikale Jugend.

Artikel von Jonas Bischofberger

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