Was machen wir mit der Kernfamilie?

Die «klassische» Kernfamilie mit einer Mutter, die den Haushalt meistert und sich um die Kinder kümmert sowie einem erwerbstätigen Vater, wird bis heute als selbstverständliche gesellschaftliche Ordnung inszeniert. Doch dieser Eindruck täuscht: Die Vorstellung der bürgerlichen Kernfamilie ist kein Naturzustand, sondern historisch konstruiert und politisch durchgesetzt.

Ursprünglich war die Familie eine Produktionsgemeinschaft, in der Männer, Frauen und Kinder gemeinsam im Haushalt arbeiteten. Durch die Industrialisierung wurde die Produktion in Fabriken ausgelagert, was zur räumlichen Trennung von Arbeits- und Wohnort führte.[1] Während die Männer in die Fabriken wechselten, verblieb das Zuhause als Ort der Care-Arbeit für die soziale Reproduktion.[2] In bäuerlichen oder kleingewerblichen Haushalten wechselten Frauen weiterhin flexibel zwischen Haus- und Betriebsarbeit. Die Männer der Oberschicht hingegen erschufen im 19. Jahrhundert ein neues Ideal, wobei die Frau daheimbleiben musste, um sich um das «häusliche Glück» zu kümmern. Was früher Teil der produktiven Arbeit zum Überleben war, wurde nun als häuslich-emotionale Versorgung der Familie umgedeutet. Diese Tätigkeit wurde nicht mehr als Arbeit, sondern als Ausdruck von Zuneigung und als «Liebesdienst» verklärt.[3] Das Modell des männlichen Allein-ernährers festigte sich allmählich, was auch von Teilen der Arbeiter*innenbewegung und der Sozialdemokratie vorangetrieben wurde. Sie trugen zur Stabilisierung des männlichen Alleinernährermodells bei, indem sich ihre Forderungen nach sozialen Absicherungen primär auf den männlichen Vollzeiterwerb konzentrierten.[4]

Im Kapitalismus wird lediglich die Lohnarbeit als produktive, bezahlenswerte Arbeit anerkannt. Die enorme Menge an Fürsorge- und Hausarbeit, welche für die Reproduktion und somit zur Erhaltung von Arbeitskräften nötig ist, wird als selbstverständlich betrachtet und dadurch unsichtbar gemacht. Die Kernfamilie ist demnach ein Ort der umfassenden Reproduktion des Kapitalismus und trägt so zu seiner Aufrechterhaltung bei.[5] Sollte sie deswegen besser gleich abgeschafft werden?

Diese Perspektive nehmen Denker*innen des feministischen Familienabolitionismus ein. Sie kritisieren die Familie als einen oft mit Gewalt verbundenen Ort der Hierarchie, der Disziplinierung und des Zwangs. Zugleich verweisen sie darauf, dass die Familie Care-Arbeit privatisiert und so zur Reproduktion kapitalistischer Verhältnisse beiträgt. Gewünscht werden Fürsorgestrukturen, die nicht an biologische Verwandtschaft oder die klassische Kernfamilie gebunden sind, sondern kollektiv und solidarisch organisiert werden.[6]

Die Kritik an Familien als Orte der Reproduktion von ökonomischem Reichtum, Bildungsgrad, Traumata sowie Arbeitskräften kann nicht zurückgewiesen werden. Ebenso ist es oft enorm schwierig sich aus schädlichen Familienkonstellationen herauszulösen – aufgrund emotionaler Bindungen, gesellschaftlicher Erwartungen oder ökonomischer Abhängigkeiten.

Trotzdem bleibt fraglich, ob Care-Strukturen ausserhalb von Verwandtschaftsverhältnissen automatisch weniger ausbeuterisch organisiert wären. Der Kapitalismus ist schliesslich nicht auf das Konstrukt Familie per se angewiesen, sondern auf ihre Funktion der gesellschaftlichen Reproduktion. Auch patriarchale, rassistische oder ökonomische Abhängigkeitsverhältnisse würden durch die Abschaffung der Kernfamilie nicht automatisch verschwinden. Das zeigt unter anderem die Tatsache, dass oftmals Migrant*innen in wohlhabenden Haushalten die Hausarbeit verrichten und für die Kinder sorgen, während ihre eigenen Kinder alleine zuhause zurückbleiben.

Dennoch eröffnet die Kritik des Familienabolitionismus wichtige Fragen danach, wie Fürsorge organisiert wird oder wer Verantwortung trägt. Statt die «klassische» Kernfamilie als natürliche oder alternativlose Lebensform zu behandeln, braucht es mehr gesellschaftliche Anerkennung und Unterstützung für alternative Lebensentwürfe und Fürsorgestrukturen. Gleichzeitig darf die Kritik an der Familie nicht isoliert von anderen Machtverhältnissen betrachtet werden.

Patriarchale, rassistische oder ökonomische Abhängigkeiten verschwinden nicht automatisch durch neue Care-Modelle. Zentral bleibt deshalb auch die Überwindung kapitalistischer Verhältnisse, in denen Care-Arbeit systematisch entwertet, privatisiert und auf marginalisierte Gruppen ausgelagert wird. Ohne eine grundlegende Veränderung dieser Verhältnisse droht sich Ausbeutung lediglich in anderer Form zu reproduzieren.


[1] Tanner, Albert: Von der Heimarbeit in die Fabrik. Geschichte der industriellen Arbeit. In: Boillat, Valérie / Degen, Bernard / Joris, Elisabeth et al. (Hg.): Vom Wert der Arbeit. Schweizer Gewerkschaften – Geschichte und Geschichten. Zürich (2006), S. 53-59.

[2] Gruner, Erich: Arbeiterschaft und Wirtschaft in der Schweiz 1880-1914. Soziale Lage, Organisation und Kämpfe von Arbeitern und Unternehmern, politische Organisation und Sozialpolitik. Band 1. Demographische, wirtschaftliche und soziale Basis und Arbeitsbedingungen. Zürich (1987), S. 205-238.

[3] Joris, Elisabeth / Witzig, Heidi: Brave Frauen, aufmüpfige Weiber. Wie sich die Industrialisierung auf Alltag und Lebenszusammenhänge von Frauen auswirkte (1820-1940). Zürich (1995), S. 191-238.

[4] Brügger, Lukas / Sabnis, Sonu Interview mit Iten, Dominic: In der Schweiz stand Kanton stets über Klasse. https://jacobin.de/artikel/linke-schweiz-sps-feminismus-sozialdemokratie (Letzter Zugriff: 11.01.2026).

[5] Bhattacharya, Tithi: Introduction. Mapping Social Reproduction Theory. In: dies. (Hg.): Social Reproduction Theory. Remapping Class, Recentering Oppression. London (2017), S. 1-20.

[6] Johansson Wilén, Evelina: Families Aren’t the Problem – Insecurity Is. https://jacobin.com/2025/09/family-abolition-love-care-redistribution (27.09.2025); Lewis, Sophie: Die Familie abschaffen. Wie wir Care-Arbeit und Verwandtschaft neu erfinden. Aus dem Englischen von Lucy Duggan. Frankfurt am Main (2023).

Text von Dario Bellwald
Fotografie
© Seattle Municipal Archives, W.H. Shumard family, circa 1955, CC BY-ND 4.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:W.H._Shumard_family,_circa_1955.jpg

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