Sozialdemokratie: die linke Säule des Kapitalismus

Die stärkste Tradition in der SP bleibt der Reformismus und somit das Ziel, den bürgerlichen Staat zum eigenen Zweck zu formen. Dafür wird die Teilnahme an der Regierung und die Bereitschaft zum Konsens zur zwingenden Voraussetzung.

Die heutige Sozialdemokratie ist weltweit zu grossen Teilen aus der historischen Spaltung um die Zeit des Ersten Weltkriegs entstanden, in der die marxistische Basis in kommunistische Parteien überging. In der Schweiz geschah diese Abspaltung, weil sich die SP 1921 weigerte, der Dritten Internationale beizutreten und sich darum der linke Flügel zur Kommunistischen Partei Schweiz (KPS) abtrennte.[1] Diese Trennlinie verhärtete sich über die Jahre und die Solidarität der SP mit der KPS wurde immer kleiner, bis 1938 der letzte Funken Solidarität erlosch als die KPS vom Bundesrat verboten wurde. Das Verbot erfolgte unter anderem auf Druck des gewerkschaftlichen Flügels hin, welcher durch das «Friedensabkommen» mit den Arbeitgebenden den Grundstein für die heutige Sozialpartner*innenschaft mit dem Verbot jeglicher kämpferischen Massnahmen wie Streiks legte und diese Abgrenzung somit zementierte.[2,3]

Daraus resultierte, dass die SP vermehrt ihre angestrebte Regierungsbeteiligung durch Mässigung erreichte. Was wiederum den Kurs der SP legitimierte, welche mit schrittweisen Reformen Verbesserungen für die Arbeiter*innen erreichte und sich durch den vermeintlichen Erfolg dieser Strategie immer mehr in die bürgerlichen Institutionen integrierte.[4] Mit der Integration veränderte sich das Ziel vom Überwinden des Kapitalismus hin zur Stärkung des inländischen Wohlstands, denn nur dieser wachsende Wohlstand erlaubte es, Kompromisse mit den Kapitalist*innen zu schliessen. Die Sozialdemokratie wird damit zur zentralen Stütze des Kapitalismus, indem die Bedingungen unter dem System für die eigene Bevölkerung nur insoweit verbessert werden, wie die herrschende Klasse für Kompromisse bereit ist. Dies ist nur möglich, wenn die Arbeiter*innenbewegung genügend stark ist, um Druck auszuüben. Doch durch den vermehrt reformistischen Kurs der Partei wurde über Jahrzehnte genau diese Grundlage vernichtet.[5]

Diese Realität führt häufig zum Traum eines gebändigten Kapitalismus «an der Kette», welche genau diese Kompromisse ermöglicht. Doch die materiellen Bedingungen der starken Arbeiter*innenbewegung wurden systematisch untergraben. Darum hat es keinen Zweck, auf eine Rückkehr der Kompromissfähigkeit der Kapitalist*innen zu hoffen. Stattdessen muss für eine revolutionäre Arbeiter*innenbewegung gekämpft werden, welche sich nicht wieder auf faule, zeitlich begrenzte Kompromisse einlässt, sondern die Veränderung in die eigenen Hände nimmt!


[1] Christian, Koller: Die Schweiz nach der Russischen Revolution. https://blog.nationalmuseum.ch/2017/06/die-schweiz-nach-der-russischen-revolution/ (Letzter Zugriff: 17.4.2026).

[2] Daniel, Stern: Das KPS-Verbot vor 75 Jahren. https://www.woz.ch/1532/das-kps-verbot-vor-75-jahren/alle-unruheherde-sofort-unschaedlich-machen (Letzter Zugriff: 20.5.26).

[3] Schweizerisches Sozialarchiv: Vor 80 Jahren: Das “Friedensabkommen” in der Schweizer Metall- und Maschinenindustrie. https://www.sozialarchiv.ch/2017/05/18/vor-80-jahren-das-friedensabkommen-in-der-schweizer-metall-und-maschinenindustrie/ (Letzer Zugriff: 12.6.2026).

[4] Lukas, Brügger / Sonu, Sabnis: In der Schweiz stand Kanton stest über Klasse. https://jacobin.de/linke-schweiz-sps-feminismus-sozialdemokratie/ (Letzter Zugriff: 11.5.2026).

[5] George Martin Fell, Brown & Tony, Gong: Keynesianism and the Crisis of Capitalism. https://www.socialistalternative.org/2020/05/14/keynesianism-and-the-crisis-of-capitalism/ (Letzter Zugriff: 12.6.2026).

Text von Matteo Gmür
Illustration
© Lenz Auf der Maur

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