René Gardi, Kolonialismus und die Rolle der Schweiz

Die Schweiz wird im postkolonialen Diskurs oft als der «lachende Dritte» bezeichnet, da sie von Kolonien profitierte, ohne dafür behaftet zu werden.[1] Auch ohne Kolonien teilten Schweizer*innen meist die rassistischen Einstellungen, die diese rechtfertigten. Der folgende Artikel zeigt exemplarisch mit Fokus auf Afrika als Projektionsfläche, wie sich der Berner Reiseschriftsteller René Gardi mit Othering in die europäische, kolonialistische Tradition der Berichterstattung einfügte.[2] Diese Tradition lebt bis heute in einer einseitigen und negativen Darstellung des Kontinents fort.

René Gardi betreibt Othering auf der technologischen Ebene, indem er ausschliesslich ländliche Gemeinschaften besuchte und die dargestellten Menschen zusätzlich anwies, sich möglichst «traditionell» zu kleiden und zu verhalten. Er inszenierte sich dabei als «Entdecker», der den modernen Komfort vermisst. Gleichzeitig betrachtete er Afrika als Paradies, da es laut ihm von verderbender moderner Technik unberührt war. Dieser Gegensatz stellt kein Problem dar, da laut ihm die simple Lebensweise der «Natur» der Afrikaner*innen entspricht. Weit schwerer wiegt für Gardi jedoch die vermeintlich moralische Unterlegenheit. Er konstatiert «um Frauen wird überall gehandelt wie um ein Stück Vieh»,[3] ebenso würden Kinder verkauft werden. Die Leibeigenschaft sei in Afrika, «wo Freiheit ein ganz fremder Begriff ist»,[4] weit verbreitet. Zwischen verschiedenen «Gruppen» seien Krieg und Korruption die Regel. Da dies von der Bevölkerung nicht als unmoralisch verstanden würde, sei ein moderner Rechtsstaat sinnlos. Ein Gerichtsurteil werde beispielsweise nur durch den Schwur mit einem «garstigen Totenschädel» akzeptiert und den Leuten sei eine «Abstimmung ebenso fremd wie vollständig gleichgültig».[5,6]

Indem er die Gruppen, die er besucht, als technologisch und moralisch unterlegen darstellt, konstruiert er eine geistige Unmündigkeit. Er nennt Afrikaner*innen «Wilde» und «fröhliche Kindsköpfe» und beschreibt, «wie Schwarze grundverschieden von uns denken».[7,8] Gardi bewegt sich vermeintlich in einem Kontinent «in welchem sich der Schwarze nun eben anschicken soll, einen Sprung über ein paar Jahrhunderte hinweg zu machen».[9]

Sein Fazit ist daher: «[Man hat] den Schwarzen viel zu viel versprochen und auch gehalten, die Entwicklung nimmt Sprünge, man ignoriert die vollständig andere Denkungsart der Schwarzen, man bringt demokraische Freiheiten, bevor die Menschen auch Pflichten anerkennen.»[10] Die konstruierte geistige «Unmündigkeit» der Afrikaner*innen rechtfertigt für ihn deren Unterdrückung. Daher lehnt er die Massnahmen der Kolonialmacht nicht ab, «den Widerborstigen die Häuser niederzubrennen» und weitere Gewalt anzuwenden.[11]

Steuern erachtete er nicht als Ausbeutung, sondern als «Zwang zu Arbeit» der ansonsten «faulen» Schwarzen Bevölkerung. Er sieht sowohl Kolonisierung als auch Missionierung als eine Pflicht der «Eltern» gegenüber den «Kindern»: «Nun ist der weisse Mann gekommen, er ist reich, mächtig und stark, also ist es nun seine Pflicht, für den Schwarzen, der sich ihm unterwirft, zu sorgen».[12,13] Sie seien dazu da, die Afrikaner*innen von ihrem Unwissen zu erlösen und Zivilisationsschäden zu verhindern.[14]

Die Erzählung der «Rückständigkeit» zum Zweck der Rechtfertigung von Kolonisierung ist eine gesamteuropäische Tradition.

Hinzu kommt eine spezifisch schweizerische Form des Othering: René Gardi stellt Unterschiede zwischen den «Bergler*innen» und der zivilisierten Welt fest. Die Bergbevölkerung lebe simpel und ohne technische Errungenschaften, stattdessen mit der Natur. Deshalb ist sie ein Vorbild, aber gleichzeitig auch rückständig. Davon abgegrenzt ist die «moderne» Lebensweise, die geistig frei ist, aber auch durch Technik geplagt und entfernt von der Natur ist. Wiederum werden technische, religiöse, biologische und moralische Unterschiede hergestellt, die begründen, weshalb «Bergler*innen» «anders» sind und leben. Während die afrikanische Bevölkerung unter Missachtung sämtlicher urbanen Lebensrealitäten (urban lebende Afrikaner*innen sind nach Gardi unnatürliche «Évolués») zu den «Bergler*innen» gezählt wird, gehört auch ein kleiner Teil der Schweizer Bevölkerung dazu. Dies, gefährdet das durch Othering hergestellte Überlegenheitsgefühl nicht, sondern stellt eine Vertrautheit her. Die Erzählung wird nahbarer, aber die Unterscheidung des «Anderen» wird nicht aufgeweicht. Darüber hinaus entsteht die Annahme, in der Zivilisierung der Bergler*innen der Schweiz bereits Erfahrungen gemacht zu haben, weshalb man nun besonders gut wisse, wie man mit den afrikanischen «Bergler*innen» umgehen müsse.[15]

René Gardis Berichterstattung wurde bis in die 2010er-Jahre nur durch die Fachwelt kritisiert, in der Öffentlichkeit und von Seiten von Institutionen wurde sie äusserst wohlwollend aufgenommen. Gardi verbreitete sein Narrativ in Vorträgen, Fernseh- und Radiobeiträgen und erhielt dafür Zuspruch und Preise. [16] Die Schweizer Berichterstattung ist auch heute von der kolonialen Tradition geprägt. Zu Afrika wird in Schweizer Medien selten, sogar mit abnehmender Tendenz berichtet. Falls doch Artikel erscheinen, wird Afrika oft als homogene Einheit wahrgenommen.

Es wird über Afrika geschrieben, während Stimmen aus Afrika keinen Platz finden.

Der Kontinent taucht im Kontext von humanitären und politischen Krisen oder als Rohstofflieferant auf. Alltag, Innovation und Kultur sind selten einbezogen. Dies begünstigt die Stimmungsmache gegen Migration und für paternalistische «Entwicklungshilfe».[17] Der strukturelle Kolonialismus in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik ist ungebrochen. Viele Schweizer Konzerne profitieren mehr denn je von ehemaligen Kolonien, kulturelle Leistungen erhalten in Europa weder Reichweite noch Anerkennung (ausser sie werden als «exotisch» beworben) und auch «Entwicklungszusammenarbeit» beruht auf dem Grundsatz, dass die empfangende Seite unterlegen ist. Es ist höchste Zeit, diese Tradition zu begraben.


[1] Randeria, Shalini: Verflochtene Schweiz. Herausforderungen eines Postkolonialismus ohne Kolonien: In: Purtschert, Patricia / Lüthi, Barbara / Falk, Francesca (Hg.): Postkoloniale Schweiz. Formen und Folgen eines Kolonialismus ohne Kolonien. Postcolonial Studies 10, Bielefeld: 2013 (2), S. 10. Das Werk enthält zahlreiche interessante Aufsätze des postkolonialen Diskurses in der Schweiz.

[2] Beim Othering werden Unterschiede zwischen einer Eigengruppe und einer Fremdgruppe betont und konstruiert. Diese Unterschiede können in biologischen oder geistigen Eigenschaften bestehen. Das „Andere“ wird systematisch abgewertet und ein Überlegenheitsgefühl der Eigengruppe wird geschaffen. Besonders im kolonialen Kontext wird Othering als Rechtfertigung genutzt für die Unterdrückung vermeintlich unterlegener Gruppen, um diese zu unterwerfen, auszubeuten und zu „korrigieren“. Dieser Anspruch kann sich aber auch darin ausdrücken, dass mit „Entwicklungshilfe“ den „Rückständigen geholfen“ wird. Siehe dafür: Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus: Othering. https://www.gra.ch/bildung/glossar/othering/ (Letzter Zugriff 29.04.2026).

[3] Gardi, René: Vom Tschad zum Äquator. Leibeigenschaft und Freiheit. In: Der Bund [199], 01.05.1953, S. 1-2.

[4] Ebd.

[5] Gardi, René: Vom Tschad zum Äquator. Gerichtstag und Richterspruch bei den Wilden. In: Der Bund [154], 02.04.1953, S. 1-2.

[6] Gardi, René: Vom Tschad zum Äquator. Wahlrecht für Wilde. In: Der Bund [187], 24.04.1953, S. 1-2.

[7] Gardi, René: Vom Tschad zum Äquator. Gerichtstag und Richterspruch bei den Wilden. In: Der Bund [104], 02.04.1953, S. 1-2.

[8] Gardi, René: Vom Tschad zum Äquator. Von Missionaren und vom Missionieren. In: Der Bund [211], 08.05.1953, S. 1-2.

[9] Gardi, René: Vom Tschad zum Äquator. In: Der Bund [129], 18.03.1953, S. 1-2.

[10] Gardi, René: Vom Tschad zum Äquator. Leibeigenschaft und Freiheit. In: Der Bund [199], 01.05.1953, S. 1-2.

[11] Gardi, René: Vom Tschad zum Äquator. Volkszählung und Steuern. In: Der Bund [229], 20.05.1953, S. 1-2.

[12] Gardi, René: Vom Tschad zum Äquator. Von Missionaren und vom Missionieren. In: Der Bund [211], 08.05.1953, S. 1-2.

[13] Ebd.

[14] Gardi, René: Vom Tschad zum Äquator. Von Missionaren und vom Missionieren. In: Der Bund [209], 08.05.1953, S. 1-2.

[15] Dieses Narrativ wurde in mehreren Werken konstruiert, z.B. in: Gardi, René: Alantika. Vergessenes Bergland in Nordkamerun. Bern (1981).

[16] Weitere Information zum Afrikabild von René Gardi und dessen Aufarbeitung liefern: Fierz, Gaby: Das Making-of von Gardis Afrika. In: Purtschert, Patricia / Lüthi, Barbara / Falk, Francesca (Hg.): Postkoloniale Schweiz. Formen und Folgen eines Kolonialismus ohne Kolonien. Postcolonial Studies 10, Bielefeld: 2013 (2), S. 355-378., sowie African Mirror (Hedinger, Mischa, CH, 2019).

[17] Eine Untersuchung der heutigen europäischen Berichterstattung über Afrika findet sich in: Mack, Johanna: Wie westliche Journalisten über Afrika berichten. https://de.ejo-online.eu/qualitaet-ethik/wie-westliche-journalisten-ueber-afrika-berichten (Letzter Zugriff: 29.04.2026), sowie: Böhm, Andrea: Warum schauen wir nicht hin. Unausgewogene Berichterstattung. In: Die Zeit, 28.08.2025 (online). https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-08/unausgewogene-berichterstattung-globaler-sueden-studie-5vor8 (Letzter Zugriff: 29.04.2026), sowie: Fähndrich, Marco: Blinde Flecken in der Auslandsberichterstattung. https://www.alliancesud.ch/de/blinde-flecken-der-auslandsberichterstattung (Letzter Zugriff: 29.04.2026).

Text von Eva Matthäus
Fotografie
© kritisches fotografiekollektiv, Feministischer Streik Zürich, 2025, CC BY-ND 4.0, https://www.flickr.com/photos/kfk-jpg/54590718320/in/album-72177720326886153

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