Die Schweiz und ihre Neutralität

Der Begriff «bewaffnete Neutralität» mag widersprüchlich klingen, gehört aber seit Jahrzehnten zu den Grundpfeilern der Schweizer Aussenpolitik.[1] Für viele Schweizer*innen ist Neutralität weit mehr als ein aussenpolitisches Instrument. Sie ist Teil der nationalen Identität – so selbstverständlich wie Berge, Käse und direkte Demokratie. Eine Schweiz ohne Neutralität? Für manche kaum vorstellbar. Doch trifft die Vorstellung der Neutralität als unveränderliche Konstante der Schweizer Geschichte zu? Und sollten wir im 21. Jahrhundert mit dieser Tradition brechen?

Die Schweizer Geschichte ist tief verwoben mit nationalen Mythen. Die Erzählung der Neutralität ist dabei keine Ausnahme.[2] Oftmals wird die Niederlage von Marignano 1515 als Geburtsstunde der Neutralität dargestellt.[3] Tatsächlich markierte sie jedoch eher das Ende der territorialen Expansion der Alten Eidgenossenschaft als den Beginn einer bewussten Neutralitätspolitik.[4] Die völkerrechtliche Anerkennung der schweizerischen Neutralität erfolgte erst am Wiener Kongress 1815 – 300 Jahre später.[5]

Die Neutralität war dabei nie ein moralisches Prinzip. Die konkrete Ausgestaltung hing stets von den Interessen und Machtverhältnissen der jeweiligen Zeit ab.

Mal diente sie der Sicherung von Stabilität, mal der Wahrung wirtschaftlicher und politischer Handlungsspielräume. Neutralität war deshalb nie Selbstzweck, sondern immer ein Mittel zum Zweck.[6]

Gerade deshalb ist die Frage, ob die Schweiz heute noch neutral ist, weniger interessant als die Frage, welchem Zweck die Neutralität dient. Denn die Vergangenheit hat uns wieder und wieder gezeigt, dass Neutralität keine Garantie dafür ist, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen.

Die Schweiz hat trotz ihrer Neutralität von Kriegen profitiert, Waffen exportiert und politische Entscheidungen getroffen, die sich nur schwer mit ihrem humanitären Selbstbild vereinbaren lassen.[7]

Gleichzeitig verpflichtet Neutralität aber auch nicht dazu, tatenlos zuzusehen. Die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts – Krieg, Klimakrise, globale Ungleichheit und autoritäre Entwicklungen – machen keinen Halt vor Staatsgrenzen und unterscheiden nicht zwischen neutralen und nicht-neutralen Staaten. Die Schweiz kann und darf sich deshalb nicht hinter ihrer Neutralität verstecken. Sollten wir also mit der Neutralität brechen? Die Antwort lautet weder Ja noch Nein. Die Neutralität sollte weder begraben noch wie der heilige Gral hochgehalten werden. Entscheidend ist nicht, ob die Schweiz neutral ist, sondern welche Werte die Schweiz mit der Neutralität vertritt. Falls wir uns für die Neutralität entscheiden, dann darf sie nicht auf der Seite des Profits stehen, sondern auf der Seite der Menschenrechte.


[1] Bernauer, Thomas / Walker, Stefanie: Die Schweiz im globalen Kontext. In: Knoepfel, Peter et al. (Hg.): Handbuch der Schweizer Politik. Zürich (2014), 29-48.

[2] Linder, Wolf / Mueller, Sean: Schweizerische Demokratie. Institutionen – Prozesse – Perspektiven. Bern (2017).

[3] Jorio, Marco: Die Schweiz und ihre Neutralität. Eine 400-jährige Geschichte. Zürich (2023).

[5] Ruffieux, Roland: Europäisches Gleichgewicht. In: Historisches Lexikon der Schweiz. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/026458/2006-03-20/ (20.03.2006).

[6] Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten: Neutralität. https://www.eda.admin.ch/de/neutralitaet (Letzter Zugriff: 02.06.2026). Riklin, Alois: Neutralität. In: Historisches Lexikon der Schweiz. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016572/2010-11-09/ (09.11.2010).

[7] Unabhängige Expertenkommission der Schweiz- Zweiter Weltkrieg (UEK): Die Schweiz, der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg. Schlussbericht. Zürich (2002). Romy, Katy / Turuban, Pauline: The Controversial Lucrative Business of Swiss Arms deal. Swissinfo. https://www.swissinfo.ch/eng/business/the-controversial-lucrative-business-of-swiss-arms-deals/46725694 (Letzter Zugriff: 02.06.2026).

Text von Jana Kürzi
Fotografie
© Youna Garrels, Model Loa Garrels

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