Dieser Essay entstand aus einem nächtlichen Spaziergang durch die Berner Altstadt. Dabei begegneten mir mehrere bettelnde Personen. Sie verbrachten offensichtlich die Winternacht unter den Lauben. Ich wollte erfahren, wer diese Menschen waren, was sie in dieser Kälte in die Berner Gassen getrieben hatte und ob es irgendetwas gab, mit dem ihre Situation verbessert werden könnte. Antworten auf diese Fragen suchte ich bei allen mir bekannten Hilfsorganisationen und Institutionen. Sämtliche Gassenarbeiten und Notschlafstellen konnten mir keine Auskunft geben. Nach vielen zähen E-Mails endete meine Reise bei Alexander Ott, Fachperson für Menschenhandel und ehemaliger Leiter der Fremdenpolizei. Er war der Einzige, der meine Fragen beantworten konnte. Dieser Essay stützt sich auf die Fakten und Zusammenhänge, die er mir, unterfüttert mit Daten der Fremdenpolizei, erläuterte. Zur Klarstellung: Ich habe mich somit nur mit dem organisierten Betteln beschäftigt, welches eine Form des Menschenhandels ist. Andere Formen des Bettelns ergeben gänzlich andere Fragen und weisen auf andere Probleme hin, z. B. die Wohnungsnot in der Schweiz oder Suchtproblematiken. Jede Person, die bettelt, hat eine eigene Geschichte. Folglich ergeben andere Ausgangslagen auch andere Antworten, z.B. auf die Frage, ob es sinnvoll ist, Geld zu geben. Ebenfalls ist wichtig zu betonen, dass aufgrund des Aussehens einer Person nicht festgestellt werden kann, ob diese vom System des organisierten Bettelns betroffen ist.
Zuerst: Was ist organisiertes Betteln und wer sind die involvierten Personen?
Meist werden Menschen aus Osteuropa, oft Rom*nja, mit dem Versprechen sicherer und verhältnismässig gut bezahlter Arbeit in die Schweiz gelockt. Sie zahlen mehrere tausend Franken, in ihrer Situation enorme Summen, für Reise und Vermittlung. In der Schweiz angekommen, werden sie gezwungen, nachts auf der Gasse zu schlafen und tagsüber zu betteln. Oft müssen sie sich dabei verkleiden und eine Erkrankung vortäuschen, um mitleiderregender zu wirken. Sogenannte «Läufer*innen» bewegen sich zwischen den Bettelnden und konfiszieren ihre Einnahmen, während sie kontrollieren, dass niemand aus dem System ausbricht. Behalten dürfen die Betroffenen nur das, was zum Überleben nötig ist. Der grösste Teil der Einnahmen fliesst an die Organisator*innen. Meist sprechen die bettelnden Menschen weder Englisch noch eine der Schweizer Landessprachen. Auch haben sie keine finanziellen Mittel. Zusammen mit der ständigen Kontrolle durch die Hinterleute ist es für sie praktisch unmöglich, mit Schweizer*innen Kontakt aufzunehmen und sich aus ihrer Situation zu befreien.
Dieses System organisierten Bettelns ist somit eine Form des Menschenhandels, gegen sämtliche Grundsätze der Menschenwürde. Wieso scheint sich dennoch niemand für das Schicksal der Bettelnden zu interessieren?
Hilfsorganisationen beschäftigen sich nicht mit organisiertem Betteln. Solche internationalen, komplexen Problematiken verlangen nach Zusammenarbeit zahlreicher Akteur*innen. Unter anderem weil Hilfsorganisationen nicht über staatliche Autorität verfügen, ist es für sie sehr schwer, diese Zusammenarbeit zu erreichen und noch schwerer, alleine vorzugehen. Jedoch werden auch niederschwelligere Strategien wie die Datenerhebung, um das Problem fassbar zu machen oder die Sensibilisierung der Bevölkerung durch das Ausräumen von Vorurteilen nicht angewendet. Ausgebeutete haben keine Möglichkeit von anderen Hilfsangeboten, die sie nutzen könnten, zu erfahren, geschweige denn von ihnen zu profitieren. Weil sie nicht aus der Schweiz kommen, haben sie zudem keinen Anspruch auf zahlreiche Angebote. Es gibt es keine Organisation, die sich für ihre Bedürfnisse einsetzt.
Die Fremdenpolizei ergreift zwar Massnahmen die Betroffenen helfen könnten, ihr Auftrag ist jedoch die Umsetzung des Ausländer*innenrechts. Sie überprüft, ob Ausländer*innen «rechtmässig» im Land sind und soll «illegale» Einwanderung vermeiden, indem sie Zwangsmassnahmen, z.B. Ausschaffungen, durchführt. Das Wohlergehen der Personen, mit denen sie sich beschäftigt, sieht sie somit nicht als ihren Auftrag an. Massnahmen sind nicht auf dieses ausgerichtet, im Gegenteil, oft verursachen sie Leid, z.B. indem Perspektiven zerstört werden und rückgeführte Personen in ihrem Herkunftsland in Gefahr sind. Für die Fremdenpolizei Bern ist das organisierte Betteln seit ca. 2009 relevant. Damals fiel auf, dass besonders viele Kinder bettelten. Das Vorgehen der Fremdenpolizei ist seither wie folgt: Zuerst versucht die Fremdenpolizei durch Beobachtung alle beteiligten Personen, besonders die Hinterleute, zu identifizieren und die Struktur der Organisation freizulegen. Die vermuteten Betroffenen werden befragt, das Ziel ist, sie zu einer Aussage in einem Gerichtsverfahren gegen die Organisator*innen zu bewegen. Dies gestaltet sich meist schwierig, da die Organisator*innen ein hohes Ausmass an Kontrolle über das Leben der Betroffenen ausüben. Während des Gerichtsprozesses und einige Zeit später erhalten sie eine Aufenthaltsbewilligung und Opferhilfe. Doch nach dem Prozess läuft dieser Schutz aus und Betroffene stehen erneut allein da. Meist ohne Beziehungen zu Schweizer*innen, ohne kulturelle Kenntnisse, ohne finanzielle Mittel und ohne Chancen auf eine Aufenthaltsbewilligung können sie kein neues Leben aufbauen. Die Justiz und der Staat interessieren sich nur für die Menschen, solange ihr Fall strafrechtlich relevant ist. Ist der Prozess abgeschlossen, wird ihr Schicksal irrelevant und sie gelten als Belastung für die Schweiz.
Selbst der Prozess, sollte er zustande kommen, verspricht wenig Verbesserung. Beweise zu finden für das System, das als Menschenhandel eingestuft wird, ist schwierig. Eigentlich unmöglich ist es, die Drahtzieher*innen zur Rechenschaft zu ziehen. Sie sind im Ausland, weit weg vom Elend der Bettelnden auf Berns Strassen und schöpfen das Geld aus Vermittlungsgebühren und Einnahmen auf verschlungenen Wegen ab. International ist das Interesse klein, die Strafverfolgung zu erleichtern. Für viele Länder sind die Schicksale der ausgebeuteten Menschen zu wenig relevant, daher der politische Wille zu gering und der Aufwand zu gross. Besonders die Herkunftsländer der Menschen sträuben sich gegen Massnahmen. Sie profitieren, wenn aus ihrer Sicht lästige Angehörige der Unterschicht weg sind.
Die Gründe, wieso Menschen in die Fänge des organisierten Bettelns geraten, entstehen nämlich oft aus den Strukturen in ihren Heimatländern. Ausgebeutet werden oft Angehörige der Rom*nja. In ihren Herkunftsländern werden sie systematisch rassistisch diskriminiert. Ihnen wird der Zugang zu Gesellschaft, Arbeit, Sozialleistungen und Vielem mehr verwehrt. Die wirtschaftliche Lage vieler Menschen hat sich in den letzten Jahren zudem verschlechtert, da die Industrie ihre Produktion vermehrt nach Asien auslagert. Dort sind Arbeitsgesetze und Umweltauflagen weniger strikt reguliert, die Produktionskosten damit günstiger. Der Fokus auf billige Produktion zulasten der Arbeiter*innen und der Umwelt entsteht aus den Ansprüchen der kapitalistischen Konsumgesellschaft. Möglichst viel Ware soll möglichst günstig verfügbar sein. Diskriminierung und wenig Erwerbsmöglichkeiten in einer verschlechterten Wirtschaftslage verschmelzen so zu einer Lebenswelt ohne Perspektive. Darin ist das Versprechen sicherer Arbeit in einem wohlhabenden Land wie der Schweiz verlockend, auch wenn das gesamte Ersparte in die Vermittlungsgebühr fliesst.
Nachdem klar geworden ist, dass keine Institution Interesse hat, das Problem ernsthaft anzugehen, was bleibt für uns Einzelpersonen?
Angesichts dieser Strukturen scheint es wenig Handlungsmöglichkeiten für Einzelpersonen zu geben. Tatsächlich nützt es wenig, Betroffenen von organisiertem Betteln Geld zuzustecken. Ein Grossteil davon kommt den Drahtzieher*innen zu. Essen, Trinken und andere Naturalien werden oft gespendet, so dass sie nicht immer nützlich sind. Eine Meldung bei der Fremdenpolizei kann helfen, einen Prozess gegen die Organisation in Gang zu setzen, dessen Erfolgschancen jedoch ebenfalls äusserst gering sind. Zumindest indirekt können wir über unser Konsumverhalten einen Beitrag leisten. Unser Konsum fördert die Orientierung an Profit ungeachtet ethischer Grundsätze, eine Orientierung, die auch zur Ausbeutung von Menschen im Rahmen des organisierten Bettelns beiträgt. Indem wir bewusster konsumieren und versuchen auf Waren zu verzichten, können wir versuchen, menschenwürdigere Strukturen in der Wirtschaft herzustellen. Um das organisierte Betteln zu beenden, reicht das Engagement von Einzelpersonen allerdings nicht aus: Ausbeuterische kapitalistische Strukturen, die unethischen Konsum erzwingen sowie Diskriminierung aufgrund von systemischem Rassismus und Vorurteilen müssen beendet werden.
Zurück zu meinem nächtlichen Spaziergang durch die Berner Altstadt: Letztlich bleibt bei der konkreten Begegnung nur die Menschlichkeit. Ein Gespräch auf Augenhöhe gibt Menschen wenigstens ein Minimum an Würde. Der persönliche Kontakt kann ein erster Zugang zur Schweiz sein, welcher im besten Fall einen Weg aus dem System aufzeigt. Menschen wie Menschen zu behandeln, nicht wie Störfaktoren im Stadtbild, scheint das zu sein, was uns bleibt.
Text von Eva Matthäus
Fotografie von Ahmet Çiftçi auf Pexels