Gegen das Kopftuchverbot an Zürcher Volksschulen

Geschätzte Gäst*innen, vorerst möchte ich euch vom Tiefsten meines Herzens fürs Kommen danken. Es macht mich emotional. Emotional zu wissen, dass so viele verschiedene Seelen für das gleiche Anliegen kämpfen, das gleiche Demokratieverständnis teilen und den Mut haben, sich dagegenzustellen, wenn man Entrechtung sieht. Danke, dass ihr alle gekommen seid.

Ich heisse Vera Çelik. Ich bin Zürcher Gemeinderätin für die SP.

Und ich möchte heute mit einem Grundsatz beginnen, der das Herzstück unser Landes bildet:

Das Schweizer Volk und die Kantone,
in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung,
im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken,
getragen vom Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben,
im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen,
gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen.

Steht in der Präambel.

Wisst ihr was sonst noch dort steht?

Im Namen Gottes des Allmächtigen!

Janu, zum Glück habe ich das auf Deutsch gesagt. Sonst hätte man die Krise bekommen, von wegen politischer Islam. Aber so viel so gut. So viel zu „unser Staat hat keine Religion“.

Eine Demokratie zeigt ihr wahres Gesicht nicht dann, wenn die Mehrheit ihre eigenen Interessen feiert. Sie zeigt ihr wahres Gesicht genau in dem Moment, in dem sie die Rechte der Schwächsten, der Wenigen, der Sichtbaren und der Unsichtbaren schützt.

Wenn wir heute über ein Kopftuchverbot sprechen hier im Kanton Zürich oder auf nationaler Ebene, dann sprechen wir nicht über Stoff. Wir sprechen über unser kollektives Fundament. Wir sprechen über Gleichheit. Wir sprechen über Demokratie. Und wir sprechen über die Bundesverfassung unseres Landes.

Schaut doch mal in den ersten Teil unserer Verfassung.

Artikel 8: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Niemand darf diskriminiert werden, insbesondere nicht aufgrund von Merkmalen wie Herkunft, Geschlecht, Alter, Religion oder Behinderung.»

Das ist das Versprechen der Schweiz an uns alle!

Aber was machen manche Politiker*innen im Zürcher Kantonsrat und über unsere Kantonsgrenze hinaus? Sie verkaufen uns die systematische Entrechtung einer Minderheit als «Schutz». Als „Integration“ als „wir sind halt in der Schweiz“.

Was eine Bankrotterklärung! Man muss schon eine gewaltige Angst vor starken Frauen haben, wenn (meistens) ein Stück Baumwolle ausreicht, um das eigene Schweizer Selbstbewusstsein zu erschüttern.

Für die Parlamente ist unser Kopftuch längst kein Kleidungsstück mehr. Es ist eine Projektionsfläche. Ein vorgebliches «politisches Problem», das man politisch regeln will.

Aber niemand fragt uns.

Sie reden über unser Kopftuch, aber sie weigern sich zu verstehen. Unter diesem Stoff steht kein Opfer. Unter diesem Stoff steht ein freier Mensch! In meinem Fall eine gewählte Politikerin dieser Stadt, eine Bürgerin dieses Landes, eine Frau mit einer Stimme!

Wir hören seit Jahren dieselben alten Sprüche. Religionsfreiheit auf der einen Seite, Frauenrechte auf der anderen. Sie tun so, als gäbe es nur diese zwei Pole. Aber während wir uns in dieser Debatte im Kreis drehen, passiert im Hintergrund etwas viel Gefährlicheres.

Ein Kopftuchverbot beschützt niemanden. Es ist der Versuch des Staates, die Initiative über das Aussehen des öffentlichen Raums zu ergreifen und zu bestimmen, wer überhaupt noch sichtbar sein darf!

Der Staat stellt sich an die Türen von Schulen, Gerichten und Ämtern und sagt zu uns: «Du kannst deine Bildung, dein Wissen und deine Arbeit hier einbringen, aber nur, wenn du dich ausziehst.»

Was ist das bitte für ein Freiheitsverständnis?

Wer soll das am Ende entscheiden oder umsetzen?

Sollen Schulleiterinnen oder Polizisten jetzt mit dem Massband anrücken? Sollen sie prüfen, ob eine Frau das Tuch aus Glaube trägt, aus Mode, aus Tradition oder weil draussen der Wind weht? Der Staat zwingt seine Beamtinnen dazu, Polizeikontrollen über die Gedanken von Frauen zu machen. Das ist kein Säkularismus. Das ist Gesinnungsprüfung!

Sie sagen uns immer wieder ins Gesicht, sie wollen uns «integrieren». Aber wenn sie uns aus den Schulen, den Unis und den Berufen drängen, tun sie genau das Gegenteil. Sie sperren uns aus! Sie nehmen unserer Gesellschaft Ärztinnen, Lehrerinnen, Juristinnen und Politikerinnen. Das ist nicht nur ungerecht, das ist einfach nur dumm!

Sie sprechen über uns, als wären wir irgendeine abstrakte Bedrohung aus dem Fernen. Aber wenn ich mich hier umsehe, wenn ich durch Zürich gehe, dann sehe ich genau diese Frauen, über die sie reden! Ich sehe Ärztinnen, Juristinnen, Lehrerinnen, Politikerinnen, Chemikerinnen, Sportlerinnen und Sachbearbeiterinnen mit Kopftuch. Wir sind hier. Wir arbeiten, wir leben, wir zahlen Steuern, wir bauen dieses Land jeden einzelnen Tag mit auf!

Wir sind alle gleich.

Aber kennt ihr dieses Gefühl? Wenn man zum ersten Mal mit jemandem redet, der wahrscheinlich zum ersten Mal eine Frau mit Kopftuch sieht. Man lernt sich persönlich kennen und im Gespräch hört man plötzlich: „Hmm… aber du, … du bist ja gar nicht so wie die anderen!“

DOCH!

Doch! Ich bin exakt genauso wie sie!

Es gibt kein „die Anderen“! Die Frau, die du in der Praxis triffst, die Lehrerin deiner Kinder, die Gemeinderätin am Mikrofon, wir sind keine Ausnahmen, die man tolerieren muss Wir sind die Realität! Wir sind keine Klischees aus den Reden der SVP, sondern ganz normale, freie Frauen in dieser Stadt!

Und ziehen wir doch mal die Maske von denjenigen ab, die dieses Feuer schüren.

Der SVP ging es noch nie um Frauenrechte! Wer das glaubt, hat das letzte Jahrzehnt im Schweizer Politik verpasst. Sobald die Abstimmung vorbei ist, kippt die Rhetorik um 180 Grad. Die Krokodilstränen für die unterdrückte Frau trocknen blitzschnell. Auf einmal sind sie keine Feministinnen mehr. Plötzlich geht es wieder nur um den «politischen Islam» und um «mangelnde Integration».

Es ist einfach nur peinlich!

Auf einmal kommen sie mit ihren Vergleichen: «Schaut nach Grossbritannien! Schaut nach Deutschland! Wir wollen doch nicht werden wie diese Länder!»

Und um ehrlich zu sein, ich möchte auch nicht wie Deutschland sein.

Sie beschwören Schrecken aus dem Ausland herauf, um von ihrer eigenen, eiskalten Ausgrenzungspolitik abzulenken!

Wer im Glashaus sitzt, sollte verdammt nochmal nicht mit Steinen werfen!

Wenn Parteien, die seit Jahrzehnten gegen jeden Fortschritt bei der Gleichstellung gestimmt haben, plötzlich den Feminismus für sich entdecken nur um eine Minderheit auszugrenzen dann ist das Glashaus ihrer Doppelmoral so hauchdünn, dass es vor unseren Augen in tausend Scherben zerspringt.

Wenn Frauen mit Kopftuch in diesem Land Lehrerinnen werden, Ärztinnen, Juristinnen, Politikerinnen, Sachbearbeiterinnen, Chemikerinnen und Sportlerinnen was bitte daran ist nicht integriert?! Mitten im Leben zu stehen, Verantwortung zu tragen, Leistung zu bringen DAS ist Integration! Wer diese Frauen per Gesetz aus ihren Berufen drängt, betreibt keine Integration. Er betreibt eiskalte, systematische Verbannung!

Was für eine verlogene Politik! Was für ein schlechter Witz, wenn ausgerechnet diese Leute versuchen, uns Feminismus beizubringen!

Sie sitzen in ihren Sesseln und wollen uns erklären, was Selbstbestimmung ist? Wir lassen uns eure Heuchlerei nicht verkaufen!

Unser Feminismus steht für die Frau im Iran, die von einem Regime gezwungen wird, ein Tuch zu tragen, und dafür ihr Leben riskiert!

Unser Feminismus steht für die Frauen in Afghanistan, denen von angeblich «zivilisierten» westlichen Ländern die Freiheit versprochen wurde nur um sie dann den Taliban zu überlassen!

Und unser Feminismus steht für die Schweizer Muslimas, die tagtäglich genau hier um ihr Recht kämpfen, selbst über ihren eigenen Körper zu entscheiden!

Feminismus heisst nicht, einer Frau das Kopftuch aufzuzwingen, und er bedeutet auch nicht, es ihr per Gesetz herunterzureissen! Feminismus heisst: Die Frau entscheidet. Niemand sonst!

Wir dürfen das nicht mehr schönreden.

Wenn ein Staat anfängt, Gesetze für die Kleidung einer ganz bestimmten Gruppe von Frauen zu machen… dann müssen wir genau hinhören. Weil unter den Paragrafen hört man deutlich die Fussstampfen eines schleichenden Faschismus!

Ja, ich benutze dieses Wort. Weil Autoritarismus nie sofort mit Gewalt anfängt. Er kommt schleichend.

Er beginnt genau da, wo man eine Minderheit herausgreift, sie zur Gefahr erklärt und der Bevölkerung beibringt, dass Grundrechte verhandelbar sind. Heute sind es die Rechte der Muslima. Und wer ist es morgen? Wer entscheidet morgen, welche Kleidung, welche Neigung, welche Liebe oder welche Meinung nicht mehr in das saubere Bild des Staates passt?!

Wer dem Staat heute erlaubt, mir mein Tuch wegzunehmen, gibt ihm morgen die Werkzeuge in die Hand, eure Rechte einzuschränken!

Ich lasse mir meine Würde nicht per Kantonsratsbeschluss aberkennnen. Und ich lasse mir von keinem Staat sagen, wie eine freie Frau auszusehen hat!

Wenn eine Frau gezwungen wird, ein Kopftuch zu tragen, stehe ich an ihrer Seite und kämpfe dagegen. Aber wenn der Staat mich zwingen will, es abzunehmen, dann kämpfe ich genauso dagegen!

Freiheit heisst nicht. Tu das, was die Mehrheit von dir verlangt.

Freiheit heisst: Mein Körper. Mein Glaube. Meine Entscheidung.

Wir lassen uns nicht spalten. Wir verlangen keine Zugeständnisse wir verlangen unser Verfassungsrecht!

Und an all jene im Kantonsrat und drüber hinaus, die glauben, sie könnten uns unsichtbar machen, habe ich nur einen kurzen Satz: Ihr könnt Gesetze gegen unsere Kleidung beschliessen. Aber ihr werdet unsere Existenz niemals verbieten können.

Hände weg von unseren Körpern! Hände weg von unseren Rechten!

Kein Verbot im Kanton Zürich! Kein Verbot in der Schweiz! Die Freiheit gehört allen oder sie gehört niemandem!


Rede gehalten von Vera Çelik an der Kundgebung gegen das Kopftuchverbot in Zürich am 26. September 2026
Fotografie von Thorin Joller

Hier findest du einen Videoausschnitt der Rede

Leave a Comment